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GLOTTODIDACTICA, Vol

GLOTTODIDACTICA, Vol. XX: 1990 pp. 5-14. ISBN 88-2S2-0199-4 ISSN 0072-478»
Adam Mickiewicz University Press Poznań

I. ARTICLES

ZU TEORIE UND PRAXIS EINER ALLGEMEINEN
FREMDSPRACHENMETHODIK (AFM) -
GRÜNDLEGENDE POSITIONEN
UND EMPIRISCHE ERFAHRUNGEN

{THEORY AND PRACTICE OF GENERAL FOREIGN LANGUAGE DIDACTICS
(GFLD))

WALTER APELT

University of Potsdam

Received March 1987

abstbact. On the basis of comprehensive theoretical and practical experience and
research the author describes: (1) The social and educational necessity of GFLD as
a fundamental strategy in foreign language teacher training. He underlines the importance-
of the development of a theoretical and scientific basic professional competence in pros-
pective FL teachers with regard to foreign language teaching and learning, and not
only methodical 'skills and techniques' of the classroom teaching; (2) relevant positions
of GFLD: its subject, general tasks and educational aims in teacher training, as well
as special 'fields' to be covered and taught such as foreign language teaching (FLT)
as a scientific discipline and its aims, basic referential sciences (pedagogy, psychology,
linguistics etc.), historical aspects of leading methods and methodical strategies in FLT,
the principles of FLT; (3) practical problems and actual experience in the teaching
of GFLD at a university level.

l. BEGRÜNDUNG DER GESELLSCHAFTLICHEN NOTWENDIGKEIT EINER
AFM ALS GRUNDLEGENDE AUSBILDUNGSSTRATEGIE

Mit Recht wird seit Jahren ein komplexeres Verständnis für die Einheit
von Theorie, Geschichte und Praxis in allen Wissenschaftsdisziplinen in Ver-
bindung mit der gesellschaftlichen Entwicklung gefordert. Notwendig sei
die optimale Gestaltung des Verhältnisses von theoretischer Grundlagenaus-

6                                W. Apelt

bildung und Aneignung von Spezialwissen. Neben einem soliden Grund-
wissen wachse die Bedeutung einer fundierten theoretischen Grundlagenaus-
bildung.

Das akzentuiert geforderte Theorieverständnis wächst aber nicht im
Selbstlauf. Die berechtigte Forderung nach Entwicklung wissenschaftlich
fundierten beruflichen Könnens kann nur der realisieren, der selbst eine
entsprechende theoretische Allgemeinbildung seiner Disziplin und die darauf
erwachsende geistige Disponibilität bzw. Fähigkeiten besitzt — Gedanken,
die auch auf der Konferenz zu Fragen der Lehrerausbildung in Erfurt 1985
eine zentrale Rolle spielten.

Was für den Bereich Pädagogik vor einiger Zeit explizit angemerkt wurde,
gilt für viele Disziplinen, auch für die Fremdsprachenmethodik: „Die Schwäche
unserer Pädagogik liegt nicht in erster Linie in ihrer unzureichenden Zuwen-
dung zur Praxis (...), weniger in der unzureichenden Analyse, sondern in der
zu schwach ausgeprägten Punktion zur theoretischen Konstruktion, zur Model-
lierung pädagogischer Prozesse (...) Unsere Pädagogik läuft (...) der Pra-
xis in vieler Hinsicht hinterher, statt ihr voranzugehen und sie zu »führen'."
(KLINGBERG 1981: 643). Einfacher gesagt: Der Kopf muß die Hand führen,
und nicht umgekehrt. Denn: „ methodologisch gesehen ist die theoretische
Erkenntnis das führende Glied gegenüber der gegenständlichen Erkenntnis".
(KLINGBERG 1983 a: 615)

Das geforderte theoretische Niveau verlangt auch die verstärkte Einsicht
in eine an sich selbstverständliche Tatsache: eine Theorie kann niemals die
Praxis vollständig widerspiegeln. Sie muß auf das Wesentliche von Erschei-
nungen und Prozessen zielen, und damit über bloße Erfahrungen und empiri-
sches Wissen hinaus tiefer, geistiger-konkreter die Praxis erfassen und reflek-
tieren.

Solche Konzentration auf das Wesentliche bestimmt die Zielstellungen
in unseren neuen methodischen Lehrprogrammen. Anliegen der Ausbildung
sei es u. a.: „auf fundierter theoretischer Grundlage, verbunden mit wis-
senschaftsmethodischer Bildung und der Aneignung solider, fachmethodischer
Kenntnisse über den künftigen Praxisbereich, methodische Disponibilität
und methodisches Denken als grundlegende Fähigkeiten einer Lehrerper-
sönlichkeit und wesentliche Basis zur Meisterung der gegenwärtigen und zu-
künftigen Praxis zu entwickeln". (Lehrprogramm (...) Methodik des Engli-
schunterrichts 1983: 4)

Es erscheint uns zum jetzigen Zeitpunkt möglich und auch notwendig,
bedingt durch die wissenschaftliche sowie gesellschaftliche Entwicklung
wie auch auf Grund langjähriger Erfahrungen seit 1971, auf die nachher
kurz eingegangen wird, die soeben angeführte fundierte theoretische metho-
dische Grundlage den zukünftigen Fremdsprachenlehrern mit Hilfe von
Grundlagen einer AFM zu vermitteln. Als eine basale methodische Kompo-

Allgemeine Fremdsprachenmethodik                       7

nerite der Ausbildung soll sie von vornherein den Blick der Studenten auf
das Wesentliche von Erscheinungen und Prozessen des Fü lenken und klein-
schrittiges Regeldenken vermeiden helfen. Sie soll gleichzeitig zum kritischen
Vergleichen und historischen Nachdenken veranlassen, dem Studenten
sozusagen von den ersten Vorlesungen an eine kritische Brille aufsetzen, die
ihn davor bewahrt, gleich zu pragmatisch bzw. simplifizierend das Lehren
und Lernen von Fremdsprachen zu sehen. Verstärktes Theoriebewußtsein
setzt sich auch international durch, da man erkannt hat, daß sonst gesell-
schaftliche und individuelle Ziele nicht erreichbar sind. Das zeigt z. B. die
neuste Veröffentlichung eines führenden kanadischen Wissenschaftlers:

H. H. STERN: Fundamental Concepts of Language Teaching (Oxford Univ.
Press 1983: London et al. 1983, S. 44).

Eine gemeinsame theoretische Basis mehrerer fremdsprachlicher Diszi-
plinen hat außerdem eine wesentliche Rationalisierungs- und Effektivierungs-
wirkung: Überschneidungen werden in Grenzen gehalten, Zeit und Kräfte
eingespart, die sinnvoll für Veranschaulichen, Vertiefen, Systematisierung
der Kenntnisse eingesetzt werden können. Der vielleicht bedeutsamste Vor-
teil: Die im wesentlichen gemeinsame prinzipielle methodische Grundorien-
tierung für alle Studenten verschiedener Sprachfächer hilft Verwirrungen
und Widersprüchlichkeiten zu vermeiden. Sie schafft eine nicht zu unter-
schätzende bildende und erzieherische integrative Ausgangsbasis.

2. ZU WESENTLICHEN POSITIONEN EINER AFM

2.1. ZUM GEGENSTAND EINER AFM

Der Gegenstand spiegelt sich in einer ersten Arbeitsdefinition wider:

Sie untersucht die allgemeinen Ziele, Grundlagen, Prinzipien, Methoden
und Mittel des Fü. Sie forscht nach den Strategien des FU und zeigt generelle
Wege auf zur optimalen methodischen Gestaltung des Bildungs- und Erzie-
hungsprozesses auf der Basis der gesellschaftlich bedingten Zielstellungen.
Damit plädieren wir für eine weitere Fassung des Gegenstandsbegriffes, wie
sie u. a. HELBIG (1983: 10) vorschlägt: „Eine allgemeine Didaktik des Fremd-
sprachenunterrichts hätte zu klären, welche Gesetzmäßigkeiten für das
Lehren von Fremdsprachen generell, d. h. für die institutionalisierte Vermitt-
lung von Fremdsprachen generell (unabhängig von konkreten Bedingungs-
gefügen und unabhängig von konkreten Einzelsprachen) gelten".

Diese Erweiterung der Definition ist erforderlich, denn eine AFM befaßt
sich nicht nur mit den Gesetzmäßigkeiten, sondern z. B. auch mit den gesell-
schaftlich bedingten Zielen und den allgemeinen Methoden und Mitteln,
die nicht nur für die Einzelsprachen-Methodiker gelten. Wir befinden uns
damit auch in wesentlicher Übereinstimmung mit solch weiter Auffassung

W. Apelt

einer AFM, wie sie DESSELMANN/HELLMICH (1981: 17, 19), GES et aL
(1982: 7), u. a. vertreten.

GES et al. z. B. nennen explizit „die Ziele, Inhalte, Methoden und Mittel",
aber auch „die Verfahren der Bildung und Erziehung" (ebd. 7).

2.2. ZU DEN AUFGABEN EINEE AFM

1. Erforschen eines optimalen Bildungs- und Erziehungsprozesses in
strategischer Sicht.

2. Aufstellen objektiver Normen zur optimalen Gestaltung dieses Pro-
zesses in prinzipieller Sicht.

3. Lehren dieser Normen bzw. "umsetzen in die Praxis, und zwar im
Sinne einer „praktischen bzw. technischen Disziplin" — wie REINECKE
(1985: 15) es nennt. Die Aufgaben einer AFM sollten sich also nicht im wesent-
lichen auf die Forschungsaufgaben beschränken, wie man teilweise aus manchen
Veröffentlichungen schließen kann.

Damit ist auch die AFM als wissenschaftliche Disziplin wie auch jede-
spezielle Fremdsprachenmethodik durch drei wesentliche Charakteristika
determiniert:

— gesellschaftliche Bedingtheit,

— anwendungsorientierte Zielstellung,

— normativen Charakter.

AFM in diesem Sinne würde sich im wesentlichen mit dem Begriffsumfang
von REINECKEs (1985: 46-47) „Didaktik des Fremdsprachenunterrichts"
decken — als eine Art .Zwischendisziplin' zwischen einer allgemeinen Theorie
des Spracherwerbs für Mutter- und Fremdspraohenunterricht und den speziel-
len Sprachmethodiken wie Russisch- oder Englischmethodik.

2.3. ZU DEN HOCHSCHUL...

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